Classical Music: Jedermann - Salzburger Festspiele


The Salzburger Festival of Classical Music (incl. Jedermann by Hugo von Hoffmanstal) takes place every year : info: Salzburger Festspiele

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Die Erinnerung an den Salzburger Jedermann, noch sehr wild und lebhaft in meinem Kopf...







from our correspondent

“Das Dorf Oberplaneck in nördlichen Kärnten ist alljährlich Schauplatz einer merkwürdigen theatralischen Darbietung. Da diese Aufführung immer erst zu Beginn des Herbstes, also nach Abschluß der eigentlichen Reisezeit und Touristensaison stattfindet, erfreuen sich die bäurischen Spiele, von denen im folgenden berichtet wird, keiner Weltbekanntheit, sie sind sozusagen noch unentdeckt, und nur der Zufall fügt es, dass man gelegentlich einmal in einer Wirtsstube oder in einem der geräumigen Häuser einer Probe beiwohnen kann, zu der sich die Dörfler noch während des Sommers versammeln. Die eigentliche Aufführung spielt sich dann jedoch im Freien ab. Die Burgen und Ruinen des Städtchen Friesach, auf die sich bei diesem Freilichspiel der Blick auftut, bieten einen höchst eindrucksvollen Hintergrund des Schauplatzes. Selten kann man auf geringerem Raum eine so grosse Zahl alter, von der Geschichte umraunter Baudenkmäler sehen, unter denen besonders das fensterlose Mauerwerk einer gotischen Kathedrale, vielmehr eines blossen Chorumganges, sofort die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auf einem Hügel vor tiefgrünem Wald gelegen, nehmen sich die hohen weissen Pfeiler und leeren Spitzbogen wie gebleichte Knochen aus, wie das Skelett eines Domes, der hier vor einigen Hundert Jahren gestorben ist. Denn auch Bauwerke sterben. Und somit erscheint durch den bloßen Anblick dieser verfallenen bleichen Kirche, von üppig grünen Nadelstämmen umgeben, der Gedanke an Leben und Tod nahegebracht, denn das ländliche Theaterspiel ausdrückt. Die deutschen romantischen Maler, wie Caspar David Friedrich etwa, liebten solche Veduten, solche Gegensätze von Natur und Ruinen-Träumerei; auch denkt man an die Verse, die Clemens Brentano sang: "Bet ich nachts in den Kapellen, stört mir kein Gespenst an mir, weil sich Wandrer gern gesellen, denn auch ich bin nicht von hier." Von diesen nächtlichen Versen kommt man nicht so leicht los, auch wenn man das zerstörte Waldgotteshaus nur im hellen Tageslicht, in voller Sonne gesehen hat. Tod und fromme Nacht haften gleichsam unzerstörbar and die Gemäuer und seiner an sich freundlichen Umgebung. Es ist eben kein feindseliger, kein böser Tod, es ist ein Vertrauter, ein Freund, der sich hier kundgibt und in milder Landschaft ein Gespräch mit dir anhebt. Und damit sind wir wieder ein Stückchen dem Bauernspiel und seiner mutmaßlichen Entstehung nahegerückt.

Ich habe nicht nachgeforscht und kann daher über die Entstehung nichts sagen, nichts über die Geschichte des Theaterbrauchs in dieser Landschaft. Möglich, dass der Einfluß des Salzburger "Jedermann" bis hierher reicht. Hofmanstahl hat ja auf erstaunliche Art durch seine Erneuerung des alten Mysterienstücks die im Volk des Alpenlandes schlummernden Kräfte berührt und geweckt. Er hat in schönen Versen gesagt, was alle schon fühlten und wussten. Kein Wunder, dass nun alle aussagen wollen und gern aussagen.

An vielen Orten Österreichs, vor Palästen, in Höhen der Stifte, vor Kirchenfassaden selbst kleiner Flecken geht allsommerlich "Jedermann" in Szene; und sind Berufsschauspieler nicht zur Hand, so stellen sich Liebhaber ein, selbst eine Truppe von Kindern hat in Salzburg eine Fleißaufgabe gemacht, die Verse auswendig gelernt und agiert nun auf dem Domplatz, wenn man es ihr gestattet. So können wohl auch die Spiele vor der Friesacher Ruine durch die Kunde von dem "Jedermann"- Aufführungen angeregt oder zumindest belebt worden sein. An Prachtentfaltung und Kunst messen sie sich natürlich durchaus nicht mir den Salzburger Festen, in weitem Abstand treten sie bescheiden zurück, machen nicht das geringste Aufsehen. Und dennoch sollten sie, vor allem wegen der Selbstständigkeit ihrer Auffassung des Todes als eines guten Freundes, ein wenig mehr beachtet werden.

Auch hier beginnt, wie im Salzburg, das Drama mit einem Prolog. Als solcher nimmt ein "Leichenbitter" das Wort. Es würde zu weit führen, Einzelheiten seines Kostüms und deren Beziehung auf die hier übliche Tracht des "Hochzeitsbitters"(der zur Hochzeit bittet, einlädt) zu beschreiben. Nur so viel sei gesagt, dass schon der Vorspruch nicht die drohende Töne des Salzburger Stücks, sondern tröstliche, freundschaftliche, fast humoristische Gedanken hören lässt. Die ganze Anlage unterscheidet sich ja sehr stark von der "Jedermann"-Passion. "Jedermann" ist ein Bürger, dem es sehr gut geht, der einen vollen Geldbeutel, eine schöne Geliebte und ein zweckdienlich hartes Herz hat – der Tod, der ihn aus seinem Behagen oder doch unvermeintlichen Wohlleben herausreißt, bricht mir allen kontrastreichen Schrecknissen los, in denen sich die Künstler des Barocks gefielen. Die bäurischen Künstler sehen es anders und ganz ohne Pathos des Barocks, ohne große Geste und schrillen Gegensatz. Ihr Held, der Bauer Großhans, steht inmitten eines zwar nicht ungern belebten, aber schweren, arbeitsreichen und kummervollen Lebens. Sein Erdenwallen ist, wie wir gleich in den ersten Auftritten des Stücks sehen werden, von Sorgen, namentlich Geldsorgen, zerklüftet – ein reicher Verwandter droht mit Prozessen, hat dem Großhans Feld und Wiesenstück gepfändet, möchte ihm nun auch das Haus nehmen, um das Großhans einen heftigen Kampf mit dem mächtigen Gegner austragen muss. Dabei sind ihm die Kinder aufsässig, und sein Leib, krank und matt, kann den Anstrengungen des Daseins nicht mehr lange standhalten.

Das weiß denn auch unser guter Prolog, der Leichenbitter, und beruhigt den Großhans, der schon ahnt, dass er sterben muss – er beruhigt auch uns Zuhörer und versteht seine Worte klug zu setzen: "Ja, der Bauer Großhans muss nun sterben" , sagt er klipp und klar, "muß sterben wie ihr alle, die ihr da sitzt. Und sterben ist nicht leicht, das sei ohne Umschweife zugegeben. Man entschließt sich dazu nicht allzu gern, man bock, man widerstrebt wie ein Rind, das den Pflug noch nicht gewohnt ist. Aber keine Angst, es wird sich an Pflug und Pflügen gewöhnen. Erfahrungsgemäß ist nämlich Pflügen eine Leistung, die man von einem Rind verlangen kann. So ist zwar auch Sterben für jeden Menschen eine Leistung, das sein nicht geleugnet, es wird dem Menschen damit schon immerhin etwas zugemutet, aber nichts, was sein Kräfte übersteigt. Jeder kann sterben, dessen seid sicher; jeder ist imstande, diese von ihm verlangte Leistung zu vollbringen. Das ist eine Prüfung, wohl, wohl, aber keine, bei der je, sei die Welt besteht, irgendwer durchgefallen wäre. Also, wovor hast du eigentlich Furcht, Menschlein? Du wirst nicht durchfallen bei dieser Prüfung; das was von dir verlangt wird, wirst du ganz gewiss auch leisten können."

Nach dieser Voraussage, bei der der Darsteller wohl auch ein wenig schmunzelt (grimmiges Lächeln ist es nicht, auch nicht tückisch, eher aufmunternd listig und vertraulich), leitet das Werk gleich zu den Szene über, von denen wir schon wissen, Szenen, in denen der Bauer geplagt wird und seines Lebens nicht mehr recht froh sein kann. Dies ist der Ausgangspunkt, nicht Pomp und Freude, wie sie nur einige wenige zeit ihres Lebens zu genießen haben. Der Übergang zum Nichtsein wird daher den armen Bauern auch nicht gar so unendlich schwer wie dem Großbürger "Jedermann". Es bedarf keiner erschütternden Stimmen vor dem Tor, durch die Mauer, hoch vom Turm. Wie hier überhaupt alles ohne grosse Erregung, gleichsam im Schritte der Natur unauffällig vonstatten geht. Der Bauer betritt das "Einkehrhaus zum letzten Groschen", so heisst es doppelsinnig, teils an Leichtsinn und Zuchtlosigkeit, teils ans gewichtige Ende, aller Ende mahnend. Der Bauer würfelt. Er tut den höchsten Wurf und gewinnt. "Nun bin ich aller Sorgen ledig." – "Das bist du" sagt der Schankknecht und geleitet den Gast, der vor Glück und Freude wankt, über den Hof ins Hinterhaus, wo er ihm Wohnung anweisen soll. Um die hat der Gast gar nicht gebeten. Er möchte nach Hause gehen, seine Zeche zahlen und in Ruhe gelassen werden. "Die Zeche muss du jetzt wirklich zahlen," sagt der Knecht. Und nun zeigt es sich, dass der Gang über den Hof (der die Hauptszene des Stückes umfasst) eigentlich ein Gang aus dem Diesseits ins Jenseits ist. Mehrmals bleibt der Bauer stehen. Der Brunnen, der Stall, die Scheune – alles erinnert ihn an Geschehnisse aus seiner Jugend, seines Mannesalter, hier am Brunnen hat er zum erstenmal mit dem Mädchen gesprochen, das dann seine Frau wurde, vor dem Stall einen wütenden Stier gebändigt und so fort. Diese Szenen wiederholen sich vor seinen Augen. Mit Freud und Schmerzen mahnt ihn alles an Bilder des Lebens, der Kraft, er kann sich nicht losreißen, er möchte alles noch einmal erleben, möchte von vorn anfangen, er will nicht gehen, will nicht sterben.

Bis sich ihm eine leuchtende Erscheinung zugesellt, die sich als „Frau Geistliche-Heiterkeit zu erkennen gibt. Sie erbietet sich, ihn in das Hinterhaus zu begleiten, das für ihn das dunkle gefürchtete Haus des Todes ist. Die Frau aber weiß ihn zu besänftigen. Von nun an wird er es gut haben; um sein Haus, beispielsweise, braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen – von jetzt ab hat er für immer und ewig einen Dach über den Kopf; auch dem Prozeß mit den bösen Verwandten wird ihn nicht mehr erregen – und seine Kinder, mögen sie erst spüren, was es heißt ohne Vater den Weg allein suchen zu müssen! Auch Geld wird er nun nicht mehr brauchen, daher auch keine Geldsorgen haben. Der Bauer freut sich und lacht, er verliert allgemach die Angst. "Wenn ich mir dir reden kann, ist mir wohl und leicht, Frau Geistliche-Heiterkeit" , sagt er "aber wirst du mich auch wirklich über den großen, weiten, unheimlichen Hof bis ins Haus hinüberführen?" – "Ich werde sogar dort bei dir bleiben – solange du willst, immer.". Da ist der Bauer getröstet und küsst der vornehmen Dame, die sich seiner angenommen hat, artig die Hand. Der Schankknecht tritt hinzu und äußert auf ein wenige derbere Art, dass von der ganzen Sache nicht so viel Aufhebens zu machen sei – Vorderhaus oder Hinterhaus, es sei kein so grausiger Unterschied. "Ich der Knecht, gehe täglich wohl hundertmal über den Hof, von der Schankstube zu den Wohnungen, von den Wohnungen in die Schankstube. Es ist meine Arbeit, ich habe mich an sie gewöhnt. Ich merke sie kaum mehr. Von Unheimlichkeit kann dabei gar keine Rede sein. Der Gastwirt ist klug, er gibt schon keinem was zu tun, was nicht auszuführen wäre. Der Wirt herrscht hüben wie drüben übern Hof, wir sind immer bei ihm zu Hause, es kommt nur auf uns an, uns gut und rechtschaffen bei ihm zu führen.". Das Dreigespräch nimmt zum Schluß eine höhere Wendung, die man leicht voraussehen kann. "Leben oder Tod, es ist einerlei. Herrgott und guter Hauswirt, immer sind wir in deiner Hut. Schütze uns vor Not und Versuchung." In ein allgemeines Gebet, an dem sich alle Personen des Stückes beteiligen, klingt das Spiel aus.

Nun möchten sie, lieber Herr, gute Dame, dieses Stück gern sehen, möchten vielleicht noch in diesem Herbst nach Oberplaneck fahren, teils aus Sensationslust, denn man muss ja alles gesehen haben, teils aber vielleicht auch aus dem ernsten Bedürfnis, über die trotz allem etwas gewaltsame Tatsache, dass es in der Welt so etwas wie den Tod gibt, einigermaßen getröstet und beruhigt zu werden. – Ich muss Ihnen leider raten, den eben genannten kleinen Ort auf keiner Landkarte zu suchen. Er ist allzu klein. Um die Wahrheit zu gestehen: Er existiert nur in meiner Phantasie, ich habe ihn erfunden, wie ich dieses ganze Bauernspiel leider nie gesehen, sondern nur erfunden habe – und doch eigentlich nicht ganz erfunden, um einen noch genauere Wahrheit zu melden, denn richtig ist (nun aber im letzten Wortsinne richtig), dass ich all das, was nun aufgezeichnet ist und hier geschrieben steht, heute nacht geträumt habe. Die Erinnerung an den Salzburger Jedermann, noch sehr wild und lebhaft in meinem Kopf, hat nun eben die hier erzählte Gestalt angenommen, sie hat bei anderen schon vielerlei Gestalt bekommen, warum also nicht auch noch diese? – von „Jedermann“ leitet sich mein Bauernspiel ab und dann allerdings auch von einem Blick auf jene gotische Kirchenruine auf der Anhöhe von Friesach. Man sieht sie sehr genau, wenn man vorbeifährt, dass es eine solche Szenerie, die man nur als Erfindung des genannten Malers Caspar David Friedrich für möglich gehalten hat, in aller Wirklichkeit, und wie schon erwähnt, in vollem Tageslicht gibt.

Max Brod
for Prager Tagblatt


Hugo von Hofmansthal - The Author of Jedermann
Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes ist ein Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal, das am 1. Dezember 1911 im Berliner Zirkus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt wurde. Das Bühnenbild der Uraufführung entwarf Ernst Stern. Seit 1920 wird das Stück jedes Jahr bei den Salzburger Festspielen aufgeführt, zu deren Gründern Hofmannsthal zählte. Nach dem Vorbild spätmittelalterlicher Mysterienspiele und dramatischer Bearbeitungen aus der frühen Neuzeit (Elckerlijc/Everyman, Homulus, Hecastus) treten im Jedermann Gott, der Tod, der Teufel und andere abstrakte Wesen als Personifikationen auf. Der wohlhabende Jedermann sieht sich mit dem unerwarteten Tod konfrontiert, der ihn vor seinen Schöpfer führen will. Weder sein treuer Knecht, noch seine Freunde, noch sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten; erst der Auftritt seiner Werke und des Glaubens bringen ihn dazu, sich zur Christenheit zu bekennen und als reuiger Bekehrter ins Grab zu steigen.
Premiere hatte der Jedermann bei den Salzburger Festspielen am 22. August 1920 in der Inszenierung von Max Reinhardt. Reinhardts Idee war es, das Stück auf dem Platz vor dem Salzburger Dom aufzuführen, wo es nach Hofmannsthal seinen „selbstverständlichen Platz“ gefunden zu haben schien. Mittelalter und Barockzeit, Kirche und Friedhof, Mönche und Musikanten schienen hier in der Gegenwart präsent:

„Wie ein Selbstverständliches wirkten die marmornen fünf Meter hohen Heiligen, zwischen denen die Schauspieler hervortraten und wieder verschwanden, wie ein Selbstverständliches die Rufe ‚Jedermann’ von den Türmen der nahen Kirche, von der Festung (Hohensalzburg) herab, vom Petersfriedhof herüber, wie ein Selbstverständliches das Dröhnen der großen Glocken zum Endes des Spiels, das Hineinschreiten der sechs Engel ins dämmernde Portal, die Franziskanermönche, die von ihrem Turm herunter zusahen, die Kleriker in den hundert Fenstern des Petersstiftes, wie ein Selbstverständliches das Sinnbildliche, das Tragische, das Lustige, die Musik.“ (1920)

Quelle: Wikipedia

photo by Nicola_Perscheid